MEGALOPOLIS
Linien und Raster, vertikal ausgerichtete Strukturen, einander widerspiegelnde Fassadenfragmente, Facetten modernistischer Architekturen fügt Eva Maria Wilde zum schimmernd brüchigen Horizont einer exterritorialen Megalopolis. Gespeist aus einer schier unüberschaubaren Fülle von Bildern der von ihr bereisten Metropolen der Welt: Leningrad und Moskau, Nowgorod und Tallinn, Budapest, Florenz, Rom, Neapel, Palermo und Syrakus, New York, Lima und Quito, Beirut und Belgrad, Kuala Lumpur und Singapur, Lemberg, Czernowitz, Iasi und die Millionenstädte Chinas und Brasiliens: Hongkong, Shanghai, Shenzhen und Chongqing, Sao Paulo, Rio de Janeiro und Brasilia.

Brachland. Sandhügel. Geruch von frischem Beton.
Um die Trauer so ruhmreich glänzender Städte zu kennen, schreibt Walter Benjamin, muss man in ihnen Kind gewesen sein. Eva-Maria Wilde kam in Dresden zur Welt kam. Das Transitabkommen zwischen beiden deutschen Staaten war seit einem Tag in Kraft. In München wurde die XX. Sommer Olympiade eröffnet. Angelika und Berndt Wilde zogen mit ihrer Tochter Eva-Maria nach Berlin-Adlershof. Der Fernsehturm am Alexanderplatz war noch eine strahlende Neuheit. Papua Neuguinea wurde in die Unabhängigkeit entlassen. In New York kam es durch Blitzschlag zum Stromausfall. Der Palast der Republik wurde eröffnet. Sigmund Jähn flog als erster Deutscher durchs All. Eva-Maria Wilde musste in die Schule gehen. Der jugoslawische Präsident Josip Broz Tito starb. In der Danziger Lenin-Werft begann ein Streik. Galileo Galilei wurde von Papst Johannes Paul II. rehabilitiert. Familie Wilde zog von der Zweiraumwohnung im Erdgeschoss hinauf in die oberste Etage eines SK-Scheibe Hochhauses in Berlin-Lichtenberg. Brachland. Sandhügel. Geruch von frischem Beton. Auf den Umzug folgten die ersten Reisen: in die Sowjetunion, alljährliche Sommerferien in Budapest. Fünfundzwanzig Westspione wurden auf der Glienicker Brücke gegen vier Ostagenten ausgetauscht. Auf dem Berliner Alexanderplatz demonstrierten fünfhunderttausend Menschen. Eva-Maria Wilde machte im letzten Jahr der DDR Abitur. Schon davor hatte sie sich an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste beworben. In der Klasse Kerbach war sie die Jüngste und eine der wenigen Frauen. Sie teilte das Atelier mit Eberhard Havekost und Thomas Scheibitz. Bis zum Beginn des Meisterschülerstudiums blieb sie in Dresden. Sesshaft wurde sie dort nicht. Schon im ersten Studienjahr durchquerte sie Italien und noch vor Beginn des zweiten reiste sie nach New York. Es folgten Reisen ins Amazonasgebiet in Peru und nach Ecuador auf die Galapagos Inseln. Vor ihrer Rückkehr von Dresden nach Berlin war sie in Malaysia, Singapur und im Osten Chinas. Das neue Jahrtausend begann sie mit einer zweiten Chinareise und einem ausgedehnten Aufenthalt in Brasilien, mit Reisen nach Belgrad und Beirut. Später ging es mit dem Auto durch die Ukraine und Rumänien. Es folgte ein kurzer Abstecher nach Tanger. Eine Reise nach Nordkorea steht unmittelbar bevor.

Erinnerungsspuren. Materialfundus. Eigenwelten.
Eva-Maria Wildes Reisen sind Methode. Vorwiegend ist sie allein unterwegs. Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit gehört den Architekturen und sozialen Strukturen der großen Städte der Welt. Technisches Aufzeichnungsgerät ist die Fotokamera. Den vielfachen urbanen Visionen mit schwankenden Halbwertzeiten korrespondieren Tausende fotografischer Reisebilder: Erinnerungsspuren. Materialfundus. Eigenwelten. Aus der Bewegung durch die vertikalen und horizontalen Raster der Städte ergeben sich für Eva-Maria Wilde ständig veränderte Perspektiven; Proportionen und Relationen verschieben sich und sind immer wieder auszutarieren. Im Hindurchgehen wird das Stadtbild variabel lesbar. Die westliche Metropole bildet eine andere Geschichte ab als die auf einer kolonialen Vergangenheit wuchernden Städte Südamerikas, während die jüngst aufschießenden Megastädte Asiens eine Dynamik widerspiegeln, in der Zukunft und Vergangenheit jäh ineinander zu stürzen scheinen. Eva-Maria Wilde entwirft in ihren Malereien unaufhaltsam in die Zukunft getriebene Architekturen. Architekturen, wie sie etwa King Vidor in The Crowd, Jaques Tati in Playtime oder Christian Volckman in Renaissance wirken lassen. Architekturen, denen gewaltsame Zerstörung oder schleichender Verfall eingeschrieben sind. Die in Eva-Maria Wildes Arbeiten mannigfach wiederkehrenden zerschrundenen Türme, gigantischen Wohnwaben, Reflexionen auf Hochhausfassaden, rissigen Oberflächen und leeren Hüllen verworfener Bauten sind Zeichen urbaner Welten. Ihre Malereien, Collagen, Objekte und Installationen verknüpfen und assoziieren in vielfachen Überblendungen die Erfahrung der Großstadt. Eva-Maria Wilde generiert das komplexe Bild einer von Zeitlichkeit gezeichneten globalen Megalopolis.
Maria Zinfert, Januar 2007 
in Katalog Eva-Maria Wilde, Ausstellung Galerie Pankow, Berlin


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