Die Chiffren der Stadt
Zur Malerei von Eva-Maria Wilde.
Beirut. Chongqing. Hongkong. Belgrad. Shanghai. Namen wie diese rufen unweigerlich Bilder auf, auch für diejenigen , die diese Orte nicht bereist haben. Eva-Maria Wilde hat diese Orte besucht. Sie hat sich hindurchtreiben lassen, auf ausgedehnten Reisen. Meist allein reisend, ohne Übersetzer oder andere Filter und Mediatoren der Außenwelt, hat sie wahrgenommen, fotografiert, im Kopf notiert.
Diese „Notizen“ übersetzen sich in eine ebenso differenzierende wie distanzierte Malerei, der es gleichwohl möglich ist, das Gesehene schärfer zu zeichnen, als es eine vermeintlich objektive Fotografie leisten könnte.
Eva-Maria Wildes Malerei markiert das Zusammenfallen von realer Gegenständlichkeit, skulpturaler und zeichenhafter Gehalte, die sie aus der konkreten Architektur filtert und in eine originäre, flächige Bildsprache übersetzt, deren Farbigkeit wenig übrig läßt von den schillernden, blendenden Fassaden-Effekte der Großstädte. Eva-Maria Wilde konzentriert sich neben den Fassaden auch auf Ruinen, auf Brachen und Leerstände und beleuchtet darin die dunkle Seite der urbanen Verheißungen.
Der urbane Raum kondensiert in ihrer formal verdichteten, ent-individualisierten malerischen Darstellung, die gleichwohl im Lack noch Spuren des Pinselstrichs enthält, zur Chiffre; zum Emblem einer gesichtslosen, aber dennoch faszinierenden Urbanität, die längst überall auf der Welt ähnliche Züge entwickelt hat.
Dabei bildet Eva-Maria Wilde kaum tatsächliche Erscheinungsformen der Städte ab, vielmehr konzentriert sie sich auf die Visualisierung der körperlichen Erfahrung, die sich der jeweiligen Umgebung entsprechend zeigt. Aus leichter Untersicht, gekippt oder im Ausschnitt bildet sich eine vor allem in der Bewegung erlebte, ephemere Erfahrung.
Der Raum des Erfahrenen verdichtet sich in ihrer Malerei zu einem flächigen All-Over, die das fassadenhafte der abgebildeten Räume noch verstärkt. Zum Teil allen räumlichen Eindrucks beraubt, verdichten sich Fassaden und Häuser zu farbigen Flächen, während die starke Rhythmisierung der Bildfolgen einer filmischen Wahrnehmung zu entsprechen scheint, die zugleich die Homogenität der Architekturen aufbricht und in Fragmente aufsplittert.
Eva-Maria Wildes Bildsprache folgt den inneren Mustern des Wahrnehmens, die die Strukturen der im Wachstum, im Umbruch oder auch im Verfall begriffenen Städte mit seismographischer Sensibilität betrachtet.
Magdalena Kröner 2007 
in Katalog zur Austellung Galerie Pankow, Berlin
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